Einblicke
Industrie: Argumente für eine Anlage in Anbieter professioneller Dienstleistungen und warum die Befürchtungen einer KI-Disruption die Differenzen verkennen
|
|
Global Equity Observer
|
• |
Dezember 15, 2025
|
|
Dezember 15, 2025
|
Industrie: Argumente für eine Anlage in Anbieter professioneller Dienstleistungen und warum die Befürchtungen einer KI-Disruption die Differenzen verkennen |
Der weltweite Wettlauf um Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) zeigt derzeit kaum Anzeichen einer Verlangsamung. Zugleich hat der Markt eine Reihe von Branchen als „Verlierer“ der fortschrittlichen KI abgestempelt. Dies offenbar, weil sie über umfangreiche Daten verfügen, die der Gefahr einer „Kommodisierung“ ausgesetzt sind. Bei genauerer Betrachtung der hochwertigen Nischen innerhalb des stark umkämpften Industriesektors1 und insbesondere der von uns gehaltenen Anbieter professioneller Dienstleistungen kommt unsere Analyse jedoch zu dem Schluss, dass diese Unternehmen weiterhin durch hohe Eintrittsbarrieren geschützt sind und in vielen Fällen die Chancen fortschrittlicher KI bereits nutzen.
Der Schein kann trügen
Der Begriff „Industrie” weckt oft Bilder von Fabriken, Schornsteinen und Fließbändern, und tatsächlich machen Investitionsgüter über 70 % der Marktkapitalisierung des Sektors aus. Unsere Positionen im Industriesektor entsprechen jedoch nicht diesem Klischee. Vielmehr sind die Unternehmen stark auf kapitalarme Dienstleistungen fokussiert. So bietet Broadridge Financial Solutions beispielsweise Dienstleistungen für die Investorenkommunikation sowie technologische Lösungen für Banken an. Neben RELX und Experian, auf die wir weiter unten noch näher eingehen, ist Broadridge Financial Solutions ein Unternehmen, das eher dem Finanzsektor zuzuordnen ist. Ebenso ist ADP ein führender Anbieter von Gehaltsabrechnungsdiensten und damit verbundener Personalsoftware. Das Unternehmen hat sich auf Lohnabrechnung, Talentmanagement und Compliance-Lösungen spezialisiert und ist somit im Grunde ein Technologieunternehmen. Zudem haben wir kürzlich eine Beteiligung an Uber erworben, das im Industriesektor unter Transport eingestuft wird. Die Ride-Sharing-Plattform erzielt mit zunehmender Skalierung höhere Margen und Kapitalrenditen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass es unter den Unternehmen des Investitionsgütersektors keine hochwertigen Akteure gibt. So sehen wir beispielsweise die Aufzugsbranche als strukturell attraktiv an, da sie von langfristigen Trends wie Urbanisierung und einer alternden Bevölkerung profitiert. Entscheidend ist jedoch, dass der Großteil der Gewinne nicht durch den Verkauf der Aufzüge selbst, sondern durch margenstarke Wartungsverträge für die bestehende Infrastruktur generiert wird. Wir halten eine Position in Otis, einem Unternehmen, das mit diesen Verträgen etwa die Hälfte des Konzernumsatzes und 75 % des Konzerngewinns erwirtschaftet. Es ist genau die Art von stabilem Aftermarket, die wir bevorzugen. Die Resilienz zeigte sich gerade während COVID-19, als Aufzüge aufgrund der Lockdowns stillstanden. In dieser Zeit sank der organische Umsatz von Otis nur um 2 % und die Wartungserlöse gingen lediglich um 1 % zurück. Und die Gewinne stiegen um rund 2 %.2
Nicht als Sektorempfehlung zu verstehen
Angesichts der Sensitivität des Sektors gegenüber schwachen Märkten empfiehlt es sich unserer Meinung nach, nach Teilbranchen oder Nischen zu suchen, die sowohl widerstandsfähig sind als auch langfristige strukturelle Wachstumschancen bieten. Auf Unternehmensebene legen wir Wert auf Vorhersehbarkeit und Beständigkeit und bevorzugen Unternehmen mit starken Aftermarkets oder wiederkehrenden Einnahmen, wie beispielsweise Serviceverträgen oder Datenabonnements. Wir bewerten die Qualität der Renditen, die Dauerhaftigkeit der Wettbewerbsvorteile sowie die Disziplin und Leistungsfähigkeit des Managements – sowohl im operativen Geschäft als auch bei der Kapitalallokation. Zudem beurteilen wir die Abwärtsrisiken.
Dies führt natürlich zu dem zentralen Thema, das die Märkte seit dem dritten Quartal 2025 beschäftigt: die Frage nach der Disruption durch fortschrittliche KI.
Steht der Wert von Daten vor einem einschneidenden Wandel?
In den letzten Monaten haben Anleger darüber diskutiert, ob fortschrittliche KI – einschließlich generativer und agentenbasierter Modelle – Software- und andere datenzentrierte Unternehmen vor tiefgreifende Veränderungen stellen wird. Die Reaktion war heftig und eindeutig: Unternehmen, von denen angenommen wird, dass ihre Daten an Wert verlieren könnten, wurden – unabhängig von Geschäftsmodell, Datentyp, wirtschaftlichen Treibern oder Grad der Integration in das Ökosystem – stark abgewertet. Dieser pauschale Ansatz des Marktes hat zu erheblichen Unterschieden in der Kursentwicklung innerhalb des Industriesektors geführt. So erzielten Investitionsgüter seit Jahresbeginn bis zum 31. Oktober 2025 ein beeindruckendes Plus von 34 %, während professionelle Dienstleistungen für das Gewerbe, in denen wir viele Positionen halten, um 5 % gefallen sind.3
Es ist typisch, dass der Markt „zuerst handelt und dann analysiert“, wenn eine neue Technologie die Fantasie beflügelt. Doch es kommt auf die Differenzierung an. Wie wir in der letzten Ausgabe des Global Equity Observer mit dem Titel „Wenn jedes Datenunternehmen scheinbar ins Visier von KI gerät“ geschrieben haben, sind nicht alle datenbasierten Unternehmen gleichermaßen gefährdet. Ja, oft kann KI sogar dabei helfen, Kosten zu senken oder Produkte zu verbessern, anstatt das Geschäftsmodell selbst zu untergraben.
RELX: Von der Druckpresse zur unverzichtbaren Dateninfrastruktur
Betrachten wir beispielsweise RELX, ein Unternehmen, das wir seit 2001 halten. Seine drei Jahrzehnte währende Transformation vom Verlags- zu einem margenstarken Analyseunternehmen ist gut dokumentiert. Die digitalen Umsätze stiegen von 22 % im Jahr 2000 auf heute 84 %. Die operative Marge kletterte von rund 7 % in den 1980er Jahren auf heute rund 30 % und die Kapitalrendite stieg von 20 % auf etwa 100 %. Auch die Free-Cashflow-Marge hat sich deutlich verbessert von 4 % auf fast 28 %.4
Als weltweit führender Anbieter von Analyse- und Entscheidungstools basiert der Erfolg des Unternehmens auf einer tiefgreifenden Integration in Arbeitsabläufe. In den Bereichen Wissenschaft, Recht und Risikomanagement sind die Produkte von RELX fest in den beruflichen Alltag integriert. Rund 80 % der Einnahmen basieren auf Abonnements oder wiederkehrenden Zahlungen, die durch robuste Margen und eine starke Cash-Generierung untermauert werden. Die strukturierten, proprietären und kontinuierlich angereicherten Datensätze des Unternehmens lassen sich nicht ohne Weiteres replizieren.
Mehr als ein Jahrzehnt hat RELX damit verbracht, Automatisierung und KI in seine Datensätze zu integrieren – lange vor dem aktuellen generativen KI-Zyklus. Das Management betont, dass der Wettbewerbsvorteil des Unternehmens nicht auf dem Preis, sondern auf dem Wert beruht, der durch die präzise Integration einer Reihe von Tools erzielt wird, die auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten sind. Das Unternehmen konkurriert nicht direkt mit KI-nativen Tools, sondern arbeitet als vertrauenswürdiger Partner mit sicheren Datenumgebungen und hat langjährige Kundenbeziehungen aufgebaut, was es Wettbewerbern schwer macht, das Unternehmen zu verdrängen.
Angesichts des zunehmenden Einsatzes von KI in der Rechtsberatung und Risikoanalyse konzentrieren sich die Bedenken des Marktes auf diese beiden Geschäftsbereiche, die 18 % bzw. 36 % des Umsatzes ausmachen. Dies sind jedoch genau die Bereiche, in denen die Integration in die Arbeitsabläufe am weitesten fortgeschritten ist und in denen sich KI bereits als bereichernd erweist. So hat sich beispielsweise das Umsatzwachstum der KI-Plattform für den Rechtsbereich beschleunigt und erreichte im ersten Halbjahr 2025 8,5 %.5 Ein weiteres Beispiel ist die KI-gestützte Plattform zur Betrugserkennung im Bereich Risikolösungen. Sie identifiziert verdächtige Muster in Echtzeit, wodurch finanzielle Verluste für Kunden reduziert und die Compliance gestärkt werden. Eigene Daten sind hierbei essenziell, da das Training leistungsfähiger KI-Modelle Genauigkeit, Tiefe und Zuverlässigkeit erfordert – Eigenschaften, in denen RELX nach unserer Einschätzung einen Wettbewerbsvorteil besitzt.
Entscheidend ist, dass das Management einen disziplinierten Ansatz verfolgt, der sich auf stetiges organisches Wachstum, hohe Renditen und schrittweise Produktverbesserungen konzentriert. Dabei kann es eine starke Erfolgsbilanz in Bezug auf die Widerstandsfähigkeit gegenüber technologischen Veränderungen vorweisen.
Experian: ein einzigartiges Geschäftsmodell, ebenfalls mit einem dauerhaften Wettbewerbsvorteil
Während RELX als datengesteuerter Anbieter von professionellen Verlags- und Analyseprodukten tätig ist, verwaltet Experian Kredit- und Identitätsdaten und verfügt über einige der sensibelsten und strengsten regulierten Datensätze im privaten Sektor. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um Kreditdaten von Banken, aber auch um Beschäftigungs- und Einkommensdaten, Daten zu Versorgungsleistungen und Mieten sowie einen wachsenden Pool von Bankkontodaten, für deren Nutzung die Verbraucher ihre Zustimmung gegeben haben. 18 Millionen US-Kunden haben sich für das Boost-Programm angemeldet und im Gegenzug für eine Verbesserung ihrer Kreditwürdigkeit den Zugriff auf ihre Bankkontodaten freigegeben. Der Großteil dieser digitalen Goldgrube ist für Large Language Models (LLMs) nicht frei zugänglich. Der Vorteil von Experian liegt jedoch nicht nur in der Sensibilität und Exklusivität seiner Daten. Hinzu kommen die jahrzehntelang aufgebaute Expertise, die langjährigen Kundenbeziehungen zu Finanzinstituten und die tiefe Einbettung seiner Tools in die Risikomanagement- und Entscheidungsprozesse der Kunden über die Ascend-Plattform.
Wie bei RELX dürfte auch bei Experian die fortschrittliche KI eher von Vorteil als disruptiv sein. Die Automatisierung der Softwareentwicklung ist bereits im Gange und verspricht große Gewinne, da rund die Hälfte der 25.000 Mitarbeiter Technologieexperten sind, darunter 7.000 Programmierer. Auf der Einnahmenseite gewinnt der Patient Access Curator bereits an Bedeutung und hilft US-Gesundheitsdienstleistern dabei, Patienten zu identifizieren und diejenigen zu ermitteln, die für die Begleichung der Rechnungen verantwortlich sind. Im Verbrauchergeschäft verbessert der digitale Assistent EVA bereits jetzt die Kundenbindung um das Fünf- bis Sechsfache, obwohl das Produktangebot derzeit noch relativ dünn ist.
Angesichts der strengen Regulierung und der hohen Bedeutung des Datenschutzes im Bereich der Verbraucherkredite halten wir die Vorstellung für kurzsichtig, dass ein Herausforderer die Daten und die vertrauenswürdige Position von Experian schnell replizieren kann. Eigene Daten, Vertrauen und die Integration von Arbeitsabläufen sind enorme Wettbewerbsvorteile für datenreiche Unternehmen – und genau darauf kann Experian zählen.
Volatilität bietet Chancen
Angesichts der allgegenwärtigen Diskussion über revolutionäre Technologien haben wir die Fundamentaldaten der von uns gehaltenen Anbieter professioneller Dienstleistungen im Industriesektor erneut geprüft und uns mit dem Management getroffen, um uns über das Thema Disruption auszutauschen. Wir konzentrieren uns weiterhin auf Unternehmen mit zuverlässiger Ertragsstabilität und nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen vor dem Hintergrund der fortschrittlichen KI. Diese Eigenschaften sind unserer Ansicht nach bei unserer Auswahl an Industriewerten nach wie vor gegeben. Sowohl RELX als auch Experian zeichnen sich durch Innovationskraft und unentbehrliche Dienstleistungen aus. Dabei überwiegen die Vorteile der fortschrittlichen KI die Risiken der Disruption. Wir betrachten den jüngsten Ausverkauf als Chance, unsere Portfolios zu stärken, indem wir in die überverkauften Unternehmen erneut investieren bzw. unsere Positionen aufstocken.
|
Managing Director
International Equity Team
|
|
Managing Director
International Equity Team
|